Dienstag, 21. Juni 2016

シンデレラボーイ... Junge, der über Nacht berühmt wird...

Zu Ghislanas Impulsfoto beim Bilder-Pingpong fiel mir spontan die unglaubliche wahre Begebenheit um den japanischen Jungen Yamato Tanoka ein, die sechs Tage lang durch die Medien ging, viele Menschen und auch mich in Aufruhr versetzte und schließlich ein glückliches Ende fand. Ich habe versucht, mich in die Lage des Jungen zu versetzen und erzähle hier aus der Sicht und mit den Worten eines Kindes seine Geschichte: 

'Hallo zusammen, 
wenn ihr mich fragt: Wald und Bäume mag ich im Augenblick nicht mehr sehen, habe die Nase voll davon. Und das Foto weckt nichts als böse Erinnerungen in mir.

Foto:AFP
Ja, so in etwa sah er aus, der Platz, an dem ich im Norden Japans von meinem Vater in einem Bergwald ausgesetzt wurde zur Strafe dafür, weil ich auf einem Familienausflug fahrende Autos mit Steinen beworfen hatte. 

Mein Vater stoppte das Auto, ließ mich aussteigen und fuhr einfach davon. Ich konnte es nicht fassen. Er ließ mich allein zurück. In Panik rannte ich einfach drauf los, wollte raus aus diesem Wald, dachte, dass er ja irgendwo zu Ende sein und es in der Nähe Häuser und Menschen geben müßte.


Ich lief und lief und lief, fiel hin, stand wieder auf, lief, fiel erneut hin und stand wieder auf, war völlig außer Atem, hatte schon bald keine Kraft mehr.


Und irgendwann merkte ich, dass es so langsam dunkel wurde. Ich sah nur Bäume, Gestrüpp und endlosen Wald, eingehüllt in einen Nebelschleier.


Ja, es war unheimlich. Ich hörte ein Knacken, seltsame Schreie und andere Geräusche, fragte mich, ob Jungen eigentlich Angst haben dürfen. Ich war am Ende, konnte nicht mehr. 


Aber ich mußte, bevor die Dunkelheit einbrach, einen Platz finden, wo ich mich hinlegen und ausruhen konnte. 


Also lief ich weiter, automatisch immer weiter, bergauf, bergab.


Als ich kaum noch etwas sehen konnte,


stolperte ich in eine Art Hütte, legte mich auf den Boden und fiel erschöpft in einen tiefen Schlaf.


Ich träumte, dass Männer mich mit Spürhunden suchen und finden würden, wie ich es so oft in Filmen gesehen hatte.

Foto: ap
 
Als ich am nächsten Morgen wach wurde, hatte ich Hunger und Durst. Ich fand Trinkwasser, aber nichts Eßbares, hoffte, dass jemand kommen und mich nach Hause bringen würde. Aber es kam niemand.


Foto: ap
Auch in der folgenden Nacht hatte ich Träume von Polizisten, die nach mir suchten. Aber die Enttäuschung war groß, als ich erwachte; denn ich war immer noch allein. Schlimmer Hunger quälte mich. Von Wasser kann man nicht satt werden. Ich begann zu zweifeln, ob überhaupt jemand nach mir suchte. Vielleicht liebte mein Vater mich nicht mehr. Aber Mutter und Schwester könnten doch nach mir suchen.



Und wieder sah ich sie im Schlaf, Menschen, die mich suchten, hörte, wie sie meinen Namen riefen. Aber eben leider nur im Traum.

Foto: ap
Ich hatte einen Bärenhunger, wußte nicht mehr, ob es morgens oder abends, der vierte, fünfte oder sogar schon der sechste Tag war.  Ich verlor jegliche Hoffnung, dachte, dass mich hier vielleicht niemand findet und ich einfach verhungern werde. Ich fiel in einen unruhigen Schlaf und hatte wirre Träume.



Aufgeregtes Stimmengewirr weckte mich. Und da waren sie endlich, meine Retter. Ich nannte ihnen meinen Namen. Und sie freuten sich, mich gefunden zu haben. Die Soldaten und Polizisten gaben mir etwas zu essen und brachten mich dann ins Krankenhaus, wo mich alsbald Vater, Mutter und meine Schwester in die Arme schlossen. Mein Vater sagte unter Tränen: "Es tut mir leid, dass du all das wegen mir durchmachen mußtest."

Foto: AFP
Der Ort, eine sogenannte Notbaracke für Soldaten, wo man mich schließlich  nach sechs Tagen gefunden hat, nachdem insgesamt 180 Soldaten, Polizisten und Helfer nach mir gesucht hatten, war ein Übungsgelände in einem Bergwald, etwa fünf Kilometer von dem Waldstück entfernt, in dem mein Vater mich ausgesetzt hatte. Mein Glück war, dass die Hütte über Trinkwasser verfügte und dass ich nichts von den Bären ahnte, die in dieser Gegend leben. 

Im Krankenhaus kam ich an einen Tropf, weil ich unterkühlt und dehydriert war. Ansonsten hatte ich nur ein paar Kratzer an Händen und Füßen. 

Ich habe meinem Vater verziehen und um ehrlich zu sein, bin ich schon ein bißchen stolz darauf, dass ich der Typ bin, dessen cooles Foto mit dem Victory-Zeichen inzwischen auf der ganzen Welt bekannt ist und dass ich mit meiner Geschichte zu Ghislanas Ping das Pong sein darf. Welcher Siebenjährige kann das schon von sich behaupten? Kochira koso! Sayonara!'


All meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen schönen Tag. 

Kommentare:

  1. Liebe Edith,
    viel fällt mir dazu nicht ein. Ein Elternteil, der sowas macht, nein, mir fällt dazu nichts ein. Alles was mir dazu einfällt würde mich auf dieselbe Stufe stellen, wie dieser Vater.

    Das hat was von Hänsel und Gretel, ein Märchen. Das war aber kein Märchen sondern Wahrheit. Schade, dass sowas passiert.

    Lieben Gruß Eva

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  2. Dass mich, liebe Eva, diese Begebenheit tagelang beschäftigt und in Aufruhr versetzt hat, habe ich ganz unmißverständlich erwähnt.
    Sie hat mich danach auch noch so sehr beschäftigt, dass ich versucht habe, mich in die Lage eines Siebenjährigen zu versetzen und seine Angst und Verzweiflung nachempfunden habe. Ganz absichtlich habe ich es vermieden, eine Wertung in bezug auf das Verhalten der Eltern abzugeben. Mir ging es einzig um den Jungen, dessen Foto mir nicht mehr aus dem Kopf geht, das aber bei mir die Hoffnung aufkeimen läßt, dass er keinen allzu großen Schaden genommen hat und im nachhinein ein wenig stolz darauf ist, dass er durchgehalten und die Sache für ihn ein glückliches Ende genommen hat.
    LG Edith

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  3. Hallo Edith,
    ja, die Medien hatten über diese Begebenheit berichtet und des Vaters angeblicher "Denkzettel", fand zum Glück doch noch ein gutes Ende. Da frage ich mich, wer hat denn nun eigentlich von den Beiden, den größeren "Denkzettel" erhalten?
    Diese Geschichte mit dem Wald-Foto zu verknüpfen, war eine gute Idee.
    Ich finde deine "Bildergeschichte" sehr unterhaltsam!
    Mich hat das Foto von Ghislana ein bisschen an unsere Gegend erinnert, ich dachte eher an einen Sandboden, aber so kann man sich irren!
    LG Heidi

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  4. Genau, liebe Heidi, was das für einen japanischen Vater bedeutet, sich bei seinem Sohn und bei der ganzen Nation öffentlich zu entschuldigen, können wir gar nicht ermessen. Dieses Fehlverhalten wird ihn sein Leben lang begleiten. Was passiert ist, kann man nicht rückgängig machen. Es bringt auch nichts, auf den Vater einzudreschen.
    Es wurde viel darüber berichtet. Aber ich habe nirgendwo gelesen, wie sich ein Kind in diesen Tagen der Ungewißheit zwischen Hoffnung und Verzweiflung wohl fühlen mag. Deshalb habe ICH dem Jungen hier bei mir eine Stimme gegeben, und zwar auf meine Art mit einem etwas positiven Schluss. Ich denke, wenn ich mir sein Foto so anschaue, er ist ein kleiner Filou, der das gut wegstecken wird.
    Danke für Deinen Kommentar.
    Liebe Grüße
    Edith

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  5. eine traurige Geschichte mit HappyEnd..
    der Kleine war aber auch mutig alleine los zu gehen.. ein anderes Kind wäre vielleicht sitzen geblieben und hätte gewartet ob die Eltern zurück kommen (was sie ja wohl auch gemacht haben)
    Leider geht nicht alles so gut aus..
    einen guten Denkanstoß hast du gegeben..
    liebe Grüße
    Rosi

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  6. Damit, liebe Rosi, hat der Vater ja auch wohl gerechnet. Das zeigt uns aber auch (mal wieder), wie unberechenbar Kinder sein können, selbst wenn man glaubt, sie zu kennen.
    Ich könnte dazu auch noch etwas erzählen. Mein heißgeliebter Enkel hat mir auch einmal den Schweiß auf die Stirn getrieben.
    Danke für Deinen Kommentar.
    Liebe Grüße
    Edith

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  7. Liebe Edith,
    vielen Dank dafür, dass du dem Jungen eine Stimme gegeben hast.
    Auch ich habe schon um verschwundene Kinder gebangt - zum Glück nur kurz und mit gutem Ausgang.
    Es zeigt auch die ambivalente Seite des Waldes, die in den unseren Märchen so eine große Rolle spielt.
    Ein wichtiger und tiefschürfender Beitrag - vielen Dank dafür.
    Deine Lucia

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    1. Danke, liebe Lucia, für Deinen Kommentar. Ich freue mich, dass Du diesen Post so verstanden hast, wie er gemeint ist: keine Wertung von mir in bezug auf den Vater. Hier geht es um den Jungen, seine Angst, seine Zweifel, das glückliche Ende und ein Verzeihen in Liebe.
      LG Edith

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  8. Wooow.. was für eine Geschichte, liebe Edith! Ungaublich! Mir fehlen die Worte. Herzlichst, Nicole

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  9. Liebe Edith,
    manchmal kann man kaum glauben, was man so in der Zeitung lesen kann. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Tage das Kind fort war! Ich bin schon nervös geworden, wenn mein Junge nicht pünktlich von der Schule heim gekommen ist.
    Ist ja wohl noch einmal gut gegangen.
    Viele liebe Grüße
    Ursula

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  10. Gruselige Geschichte und tolle Umsetzung. Man irrt förmlich mit dem kleinen Jungen durch den Wald. Für mich schon alleine im Hellen gruselig weil ich mich überhaupt nicht orientieren kann und dann hoffnungslos verlaufe. Im Dunkeln...Nicht auszudenken, Panik...
    Man kann nicht nachvollziehen, was sich der Vater bei dieser unverhältnismäßigen Strafe gedacht hat. Mir kamen dabei Bilder aus unserer Kindheit in den Sinn. Wir wurden regelmäßig von unserem Vater mit Kochlöffel oder Kleiderbügel für Lappalien verdroschen, und unsere Mutter hat schweren Herzens zugesehen und sich nicht getraut, einzugreifen oder das zu verhindern. Wahrscheinlich hätte sie dann auch noch was abgekriegt...

    Unser Vater hat später gesagt, dass er es selbst so erlebt hat, und dass es ihm auch nicht geschadet habe. Er hat das wirklich geglaubt. Man weiß ja inzwischen, dass Täter auch immer selbst Opfer waren, was so ein Verhalten aber keineswegs rechtfertigt. Damals hat man aber eben nichts hinterfragt.
    Mein Bruder ist davon bis heute traumatisiert, und hegt einen abgrundtiefen Hass auf unseren Vater, ist aber auch nicht bereit, das mal aufzuarbeiten. ich habe es inzwischen getan, und das war sehr befreiend. Man kann das auch noch nach Jahrzehnten tun, und auch, wenn die betreffende Person längst gegangen ist...

    LG Sabine

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  11. Danke, liebe Sabine, für Deinen Kommentar. Auch ich kenne den Satz 'Je strenger die Rute, je lieber das Kind'. Und es ist ja noch gar nicht so lange her, dass Kinder in Schulen geschlagen, in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen mißbraucht bzw. 'gezüchtigt' wurden. Ich denke nur: solange ich in einem Land lebe, in dem regelmäßig erschreckende Statistiken veröffentlicht werden darüber, nach denen überforderte Eltern jährlich ihre Kinder verhungern lassen, zu Tode prügeln, Kinder in unserem Land gefoltert, mißbraucht und umgebracht werden, habe ich nicht das Recht, mich aufs hohe Ross zu setzen und auf einen Vater aus einem völlig anderen Kulturkreis einzudreschen. Das ist so ein weites Thema, das ich absichtlich ausgeklammert habe. Ich wollte mich nur mit dem Jungen beschäftigen. Dass er von der Straße in den Wald lief, finde ich schon merkwürdig. Die normale Reaktion wäre meiner Ansicht nach gewesen, hinter dem Auto herzulaufen. Aber ich konnte mich nur an die Tatsachen halten, die in den Medien verbreitet wurden.
    LG Edith

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  12. Ich denke, daß der Vater des Kindes nicht darüber nachgedacht hat, was so eine Strafe für das Kind auslösen könnte. Auch bin ich der Meinung, daß der Vater auch genügend Angst ausgestanden hat, als er seinen Jungen nicht mehr finden konnte und ihn hat suchen lassen.
    Grüße von Ilona

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  13. Ich habe von der Geschichte auch gelesen. Unglaublich - ein modernes Hänsel-und-Gretel-"Märchen". Wie kann man nur sein Kind im Wald aussetzen???

    Liebe Grüße auch hier
    Sara

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  14. manchmal kommt die realität wie ein film vor * oder ?
    schön gezeigt * wie ein fotoroman dein pingpong ;)

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  15. Was Menschen in ihrer Wut nicht alles tun? Zum Glück ist alles gut ausgegangen für den kleinen Jungen. Sehr spannend erzählt und eine wirklich passende Geschichte. Super illustriert mit den Ausschnitten des Ping Pong Bildes. Ganz toll Ghislana. Vielen Dank für die Geschichte. LG Marion

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  16. nur gut, dass keine "böse hexe" vorbeigekommen ist! toll, wie du mir die geschiche nahe gebracht hast! ich bin froh über den guten ausgang!
    lieben gruß, mano

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  17. Huh..., und wie schön, dass du dich der kleinen Kinderseele angenommen hast, der die dunkle Seite des Waldes kennen lernen musste. Wald als Strafe... Meine Güte. So gut hast du das erzählt und toll bebildert! Ich denke da an meine "Ängste", als mein Sohn schon früh als noch "nicht" Schulkind den Wald entdeckte und seine Kreise darin immer größer zog, oft stundenlang verschwand und später, als Schulkind auch im Dunklen nicht zurückkam. Sogar eine Bude samt zwei meiner roten Gartenstühle hat er mit einem Kumpel dort gebaut. Da half kein Flehen und Schimpfen, letztlich konnte ich nur vertrauen... Und soooooo riesig wie der Wald des kleinen japanischen Jungen ist der hier auch nicht. Noch heute als längst Erwachsener 30jähriger streift er gern durch diesen Wald, der ihm - wie mir - so vertraut ist... Das ist etwas ganz anderes, dieses langsame intensive Vertrautwerden, als darin ausgesetzt zu werden... Was mich auch immer ärgert, wenn Kinder, die oft genug heute Wald überhaupt nicht kennen, nur zum Müllsammeln in den Wald gehen "müssen", da gerät die Beziehung zum Wald genauso emotional auf die schiefe Bahn... Danke dir! Lieben Gruß Ghislana

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