Dienstag, 16. Mai 2017

Gefangen im Labyrinth...


 
Lucias Impulsbild beim Bilder-Pingpong zeigt einen Irrgarten in Form einer hohen Hecke. Der zerstörte Teil ganz vorne rechts lässt darauf schließen, dass da jemand, weil er den Ausgang nicht mehr fand, die Nerven verloren und das Labyrinth in Panik durch die Hecke hindurch verlassen hat.

Lucias Impulsfoto

Geht es um ihren Enkel, dann ist die Oma viel nachgiebiger, vorsichtiger und ängstlicher als früher mit den eigenen Kindern. Wenn der Enkel bei ihr ist, möchte sie einfach nur eine schöne Zeit mit ihm haben und ihn vor allem heil, gesund, glücklich und froh wieder bei seinen Eltern abliefern.

Hier folgt nun meine Geschichte zu Lucias Impulsbild:

Oma war mit ihrem Enkel in einem fremden Garten unterwegs.





Sie beobachteten die Fische im Teich und zählten die weißen Tulpen zwischen dem blauen Immergrün, als ihr Enkel plötzlich 'Was ist das, Oma?' fragte.



Er zeigte dabei auf eine hohe Hecke. 'Ich vermute mal', antwortete die Oma, 'dass sich dahinter – wie im KLG - ein Bauerngarten verbirgt'. 'Den will ich sehen', rief der Junge und lief los.


'Oh je', entfuhr es der Oma, als sie ca. eine Minute später an der Hecke ankam. Von wegen Bauerngarten, es war ein weit verzweigtes Labyrinth und der Enkel nicht mehr zu sehen. Sie rief seinen Namen: einmal, zweimal, dreimal, keine Antwort. Zuerst dachte sie, er wolle sie nur 'veräppeln', wie er das nennt und gerne mal aus Übermut macht. Aber dann bekam sie es doch mit der Angst zu tun. 


In Windeseile irrte sie durch ein unüberschaubares System, das ständig die Richtung änderte, stand vor Sackgassen, kehrte wieder um, wählte einen anderen Weg und rief immer wieder den Namen ihres Enkels. 



Irgendwann erreichte sie den Ausgang. Aber von ihrem Enkel fehlte jegliche Spur.


Schließlich umrundete sie von außen den ganzen Irrgarten. 


Da hörte sie plötzlich ein leises Wimmern. Sie rief noch einmal laut den Namen des Jungen. 'Hier bin ich, Oma', kam die Antwort mit weinerlicher Stimme. 'Wo bist du?' 'Hier, Oma'. Da leuchtete die Farbe seines T-Shirts durch die Hecke. 'Bleib dort ganz ruhig stehen. Ich bin hier auf der anderen Seite. Wir schauen mal, ob wir vielleicht ein Loch in der Hecke entdecken.' Da zwängte sich ihr Enkel auch schon durch eine winzige Öffnung. Laut schluchzend warf er sich in ihre Arme. 'Du mußt nicht mehr weinen. Jetzt bin ich ja da. Alles ist gut'.

Ziemlich aufgelöst ließen sich beide auf einer Bank nieder.



Nachdem sie dort eine ganze Weile schweigend Hand in Hand gesessen und sich ein wenig beruhigt hatten, sagte Oma in einem festen Ton, während sie ihn dabei ernst anschaute: 'Versprich mir bitte, dass du nie wieder wegläufst. Ich hatte ganz schreckliche Angst um dich. Weißt du, es gibt böse Menschen, die an solchen Orten herumlungern und nach Kindern Ausschau halten, die allein unterwegs sind, um ihnen dann ganz doll weh zu tun.'


'Ich schwöre es, Oma, Ehrenwort', sagte der Junge leise. Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: 'Da habe ich ja noch mal Glück gehabt.' 'Ja, da haben wir beide noch einmal Glück gehabt', bekräftigte Oma. Und als sie ihren Enkel spontan in die Arme nehmen wollte, verspürte sie einen heftigen Schmerz. 

Mit dem rechten Ellenbogen war sie gegen das Nachtschränkchen gestoßen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht erwachte sie aus ihrem Albtraum. Sie stand auf, atmete einmal tief durch, ging ins Bad und spritzte sich erst mal nur kaltes Wasser ins Gesicht und über beide Handgelenke.



Wie war das noch mit den nicht verarbeiteten Erlebnissen des Vortages? 

Der Enkel wollte vom Spielplatz zum nahe gelegenen Bolzplatz wechseln und nahm gegen den ausdrücklichen Willen seiner Oma die steile Abkürzung durch den trockenen Graben, wohin Oma ihm wegen ihrer glatten Ledersohlen nicht folgen konnte. Sie wählte den schmalen Fußgängerweg, bei dem sie einmal rechts abbiegen mußte. Als sie schließlich am Tor des Bolzplatzes ankam, war ihr Enkel nicht dort. Ihn hatte auf dem Bolzplatz zwischen den fremden, großen Jungen wohl der Mut verlassen, so dass er wieder zurück zum Spielplatz lief, wo sich beide nach einer gefühlten Ewigkeit wieder fanden und Oma ein ernstes Wörtchen mit ihrem Enkel sprach.


All meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen schönen Tag.

Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Edith,

    das Erlebnis vom Vortag hat dir einen ordentlichen Schrecken eingejagt, dass du das Erlebnis bis in die Träume mitgenommen hast.
    Man kann sich in so einem Irrgarten ganz schön verlaufen, allerdings ist er auch gut zu überblicken aber in den Träumen wird manches schon viel viel schlimmer.
    Geht mir auch so.

    Ein gute Erzählung mit einem sehr guten Ergebnis.

    Lieben Gruß Eva

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  2. Hallo Edith,
    zum Glück gibt es in Deiner Geschichte ein Happyend,
    alles andere wäre der reinste Horror!
    Die Fotos haben Deinen Beitrag sehr schön unterlegt.
    LG Heidi

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  3. Ich hätte beim Lesen nicht gedacht, dass die erste Geschichte ein Traum war....oder eher ein Alptraum. Bloß gut, dass ihr euch wohlbehalten wiedergefunden habt.
    LG Sigrun

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    1. Das, liebe Sigrun, war mit dem ersten Teil auch so beabsichtigt. Etwas spannend muss es ja sein. Sonst wäre es doch zu langweilig.
      Danke für Deinen Kommentar. LG Edith

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  4. Liebe Edith,
    fast bin ich als Leserin froh, dass es nur ein Alptraum war. Ein so lebendig geschilderter, dass mir die Geschichte sofort vor Augen steht. Und ich kann das Geschehen sehr gut nachempfinden. Hab vielen Dank dafür. (Auch für deine Kommentare ;)
    Herzliche Grüße Deine Lucia

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  5. Schön geschrieben, nicht auszudenken, wo der Junge hätte stecken können. Nur gut, daß es ein Traum war. Liebe Edith, du schreibt`s so schöne Geschichten, bist du etwa Autorin? oder Lehrerin?
    Schöne Grüße
    Ilona

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    1. Ich bin jetzt Rentnerin, liebe Ilona, und war weder das eine noch das andere. Dreißig Jahre lang hatte ich in Vollzeit einen Schreibtischjob. Was Texte angeht, war Kreativität dort aber eher hinderlich. Während meiner ganzen Schulzeit fiel ich allerdings schon mit meinen Geschichten auf. Pingpong hat die Freude daran zu neuem Leben erweckt. Ich denke, dass dies den grauen Gehirnzellen auch nicht schaden kann. Danke für Deinen Kommentar. Liebe Grüße
      Edith

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  6. Nachtrag:
    Falls es dich interessiert, in unseren Regionalsendern SWR.de, Baden-Württ. kommt am Freitag 19.5.17 zw. 16.°°-18.°° Uhr ein schöner Garten auf der Schw.Alb. Und bei BR.de kannst du bei Mediathek vom 14.5.17 19.15 Uhr auch Gärten von unserer Gegend anschauen.
    Grüße von Ilona
    Grüße von Ilona

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    1. Danke für den Hinweis, liebe Ilona, ich habe es mir notiert. Du hattest mich vor längerer Zeit schon mal auf eine Sendung hingewiesen. Damals hat es nicht geklappt. Ich bekomme nur SR-Fernsehen, habe dort eine Zeitlang immer Flohmarkt geschaut.
      LG Edith

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  7. Liebe Edith,
    in deine Erzählung konnte ich mich als Mama eines abenteuerlustigen Zweijährigen ohne Schwierigkeiten hineinversetzen, vor allem in die hilflose Panik, wenn man auf einmal keine Ahnung hat, wo das Kind abgeblieben ist! Wie gut, dass der erste Teil nur ein Traum war und sich die eigentliche Geschichte als harmlos herausgestellt hat.
    Liebe Grüße
    Katharina

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  8. Liebe Edith, Du schreibst einfach so wunderbar. Ich habe Deine Geschichte gerne gelesen. Wenn Kinder einfach weglaufen, ist das wirklich furchtbar. Nicht auszudenken, was da alles passieren kann.

    lg kathrin

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  9. Die arme alte Dame.. wie gut, dass es nur ein Traum wahr. Wunderbar geschrieben, liebe Edith. Und so toll bebildert. Der grüne Tunnel ist ja klasse. Das wäre auch noch etwas für unseren Spielegarten. Unser Weiden-Tippi ist letzten leider einem Kumpel vom Kleinen zum Opfer gefallen. Sie haben mit Schaufeln Holzfäller gespielt.. seufz! Herzlichst, Nicole

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  10. Liebe Edith,
    so eine ähnliche Geschichte haben wir vor Jahren mit unserem Sohn auf der Bundesgartenschau in Koblenz erlebt. Der war nach einem Streit auf einmal weg, was haben wir da gesucht, zum Glück war unser Sohn so schlau sich irgendwann beim Roten Kreuz zu melden, so dass es bei uns auch mir einem Happy End endete.
    Ich wünsche Dir einen schönen Donnerstag.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  11. Liebe Edith,
    tolle Aufnahmen und eine fesselnde Geschichte. Jeder der Kinder, kleinere Geschwister oder Enkel hat, kann sich in die geschilderte Situation versetzen. Da kann man schon Alpträume bekommen.. Klasse, dass Dir dies alles bei dem Ausgangsfoto einfiel!
    Hab einen Tag ohne schlimme Aufregungen und Sorgen,
    herzliche Grüße
    Renee

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  12. That is a fascinating labyrinth with salix (?). Your banner is very pretty too - wishing you a nice weekend!

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  13. Brrr, der Alptraum, wenn ein Kind verschwindet. Danke für Deine spannende Erzählung! Deine Fotos gefallen mir gut, die schönen Weidenbögen! Lieben Sonntagsgruß, Eva

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